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Hochzeit für die russische Musik

Artikel vom 8. Februar 2017

ZAUBERSEE – Oper im KKL, ein Klaviermarathon und ein Ballettfilm mit Livemusik: Das Vorprogramm der Tage für russische Musik Luzern setzt starke Akzente.

So viel Festival war noch nie am «Zaubersee», den Tagen für russische Musik, die das Luzerner Sinfonieorchester dieses Jahr vom 24. bis zum 28. Mai veranstaltet. Das ahnte man schon bei der Präsentation des LSO-Jahresprogramms, wo das Sinfoniekonzert aufgeführt ist, in dem das Orchester selber auftritt. Es führt eine grosse Oper halbszenisch im Konzertsaal des KKL auf, für die es im Luzerner Theater zu eng ist: Peter Tschaikowskys «Pique Dame» mit einem hochkarätigen Sängerensemble und halbszenisch eingerichtet von der Regisseurin Julia Pevzner.

Aber die Titelseite des jetzt veröffentlichten Vorprogramms zum Zaubersee-Festival zeigt ein Bild von Marc Chagall, dessen Bilder in einem von mehreren weiteren Programmschwerpunkten eine Hauptrolle spielen.

Ballett in Bühnenbildern von Marc Chagall
Denn Marc Chagall war nicht nur mit zahlreichen Musikern befreundet, etwa mit dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, dem der Cellist Truls Mork und der Pianist Behzod Abduraimov das Schlussrezital des Festivals widmen. Chagall hatte auch als Künstler einen engen Bezug zur Musik. 1942 entwarf er die Kostüme und Bühnenbilder zum Ballett «Aleko» des russischen Choreografen Léonide Massine. Die Geschichte stammte von Puschkin, die Musik von Peter Tschaikowsky (Klaviertrio zum «Andenken eines grossen Künstlers»).

Die Uraufführung des Balletts wurde gefilmt, und diese Ballettverfilmung wird jetzt im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof zu Tschaikowskys Klaviertrio auf grosser Leinwand gezeigt. Das Trio Chausson spielt dazu Ravels «La Valse», Coplands Studie über ein jüdisches Thema verweist auf Chagalls jüdischen Hintergrund.

Es gehört zum Festival-Charakter des «Zaubersees», dass die Musiker in Residence vor Ort sind und in verschiedenen Kombinationen auftreten. So widmet das Trio Chausson auch ein Lunchkonzert der wenig bekannten Verbindung zwischen russischer und französischer Musik in der frühen Moderne. Die Mezzosopranistin Gunda Kulaeva singt nach ihrem Auftritt in Tschaikowskys Oper in einem weiteren Lunchkonzert Lieder von Sergej Prokofjew.

Archaisches Hochzeitsritual
Ein Paradebeispiel für solche Synergieeffekte bietet «Ein Abend mit Strawinsky und Prokofjew». Die Anwesenheit des Staatlichen Chors Lettland (ebenfalls in der Oper) wird genutzt für Igor Strawinskys selten gespielte Ballettmusik «Les Noces». Das Werk verhilft dem Festival zu einem zweiten halbszenischen Akzent der «Pique Dame»-Regisseurin. Chor, viel Schlagwerk und vier Konzertflügel sollen durch eine gestaffelte Aufstellung im Luzerner Saal den archaischen Ausdruck des Werks verstärken.

Doch das ist an diesem Abend nur das Vorkonzert. Die Tatsache, dass in Strawinskys russischen Hochzeiten vier Pianisten im Einsatz sind, nutzt das Festival für eine integrale Aufführung aller Klaviersonaten von Sergej Prokofiew. Für LSO-Intendant Numa Bischof ist das ein Beispiel dafür, wie solche Festival- Massierungen Sinn machen. «Es gibt kaum noch Pianisten, die sich systematisch Prokofjews Klaviermusik widmen», sagt der Intendant: «Dabei ist das gerade bei Prokofjew wegen der starken biografischen Bezüge spannend.»

Klaviermarathon über die Kriegsjahre hinweg
Das Spektrum reicht vom kraftstrotzend-virtuosen Frühwerk über die in den Kriegsjahren entstandenen Sonaten bis zum Spätwerk, in dem Prokofjew auch körperlich ein gebrochener Mensch war. Darauf verweist, als eine Art Nachspann, das Fragment der zehnten Klaviersonate. Ganz auf der Höhe ihrer Kräfte sind die Pianisten Nicholas Angelich, David Kadouch, Adam Laloum, Na­thalia Milstein und Anna Vinnitskaya, die unlängst beim Piano-Festival debütierte.

Mit einer Länge von sechs Stunden ist dieser «Les Noces»- und Klaviermarathon auch ein neues Konzertformat mit Verschnaufpausen für das Publikum. Das gehört mit zum Konzept, Kammermusik im fami­liären Rahmen aufzuführen. Neben den Lunchkonzerten in der St. Charles Hall in Meggen gilt das schon für das Eröffnungskonzert im «Schweizerhof».

Das Fauré-Quartett kombiniert Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» mit den imaginären Bildern von Rachmaninows «Etudes Tableaux». Und das David Orlowsky Trio zeigt mit Liedern aus Osteuropa, wie weit die Kulturräume sind, die dieses Festival auslotet.

Urs Mattenberger